„Meine Damen und Herren, liebe Homos“, sagt die Sprecherin
des Bündnisses „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und
religiöse Fundamentalisten“ zur Begrüßung. Etwa 1.000 Demonstranten
haben sich zu Christi Himmelfahrt um elf Uhr vor
dem Marburger Bahnhof eingefunden, bewacht werden sie von
etwa 200 Polizisten. Der Marsch geht durch die Innenstadt, vorbei
an der gotischen Elisabethkirche zur Stadthalle, in der der
Kongress für Psychotherapie und Seelsorge stattfindet. Gegen
ihn richtet sich der Zorn der Demonstranten. Reaktionär und
pseudowissenschaftlich sei der Kongress und müsse deshalb
verhindert werden, ruft die Sprecherin.
Im Vorfeld des evangelikalen Kongresses hatte man zunächst
an zwei, dann an drei Referenten Kritik geübt, weil diese eine
Therapie für homosexuell empfindende Menschen für möglich
halten. Nun wird die Kritik weiter ausgeweitet: „Mindestens
zehn weitere Referenten sind negativ aufgefallen“, sagt die
Sprecherin. So sei das angebotene Seminar „Abtreibung als
Trauma“ frauenverachtend. Christliche Therapeuten würden ihren
Klienten Schuldgefühle einreden; zudem stehe das Ergebnis
ihrer Beratung von vornherein fest.
Für Recht auf freien Sex – „nach dem Tode Gottes“
Als Nächstes kommt die Sprecherin des Marburger Allgemeinen
Studierendenausschusses (AStA) zu Wort. Der Kongress
verdränge Wissenschaftsfreiheit durch Narrenfreiheit, sagt sie.
Die Evangelikalen seien auf dem langen Marsch durch die Institutionen.
Das Theologische Seminar Tabor in Marburg sei
vom Wissenschaftsrat ebenso akkreditiert worden wie die Freie
Theologische Hochschule in Gießen. Kritik übt sie auch an früheren
Tagungen des Christustreffs Marburg und der Studentenmission
in Deutschland (SMD) an der Marburger Uni: „Was zur
Hölle haben diese Leute im größten Saal der Uni zu suchen?“
Der Schlusssatz der Studentensprecherin: „Für das Recht auf
freie sexuelle Bestimmung – nach dem Tode Gottes.“
„Linkspartei“: Schulen müssen homosexueller werden
Die Demonstranten sind überwiegend zwischen 20 und 30
Jahre alt, manche haben ihre Kinder dabei. Eine Regenbogenfahne
– das Symbol der Schwulenbewegung – wird geschwenkt,
es wird getrommelt, und Luftballons werden aufgeblasen,
auf denen steht: „Wenn ich groß bin, werd ich schwul“.
Auf Plakaten und Transparenten steht: „Glaubst du noch oder
denkst du schon?“, „Vögel Deinen Nächsten wie Dich selbst“
und „Wir sind hier, um eure religiösen Gefühle zu verletzen“.
Daneben ist ein Schwein abgebildet, das am Kreuz hängt.
Die Partei „Die Linke“ verteilt Handzettel mit der Forderung
„Schulen müssen queerer (ein Symbolbegriff der Schwulenbewegung
– d. Red.) werden“. Begründung: „Die monogame Heten-
Ehe wird als Normalfall dargestellt. In der Realität stellen
monogame heterosexuelle Beziehungen aber eine Ausnahme
dar. Vielfalt und Variantenreichtum ist die Regel. Wir fordern
daher, diese Vielfalt zu lehren.“
Das Ende einer Rede: „Freiheit allen Perversen“
Jemand schwenkt eine Sex-Gummipuppe, eine Gruppe reimt:
„Hölle, Hölle, schert uns nicht, weg mit der Geschlechterpflicht“.
Zum Amüsement der marschierenden Menge stolpert ein Teilnehmer
in Zwangsjacke durch die Reihen und ruft „Heilt mich,
ich bin schwul“. Er verteilt dabei Handzettel der „Jusos Gießen“
gegen „Homophobie und Intoleranz der Evangelikalen“.
Ein Sprecher verliest die Religionskritik von Karl Marx und
endet mit der Forderung: „Politischer Islam, evangelikaler Fundamentalismus und esoterische Schwätzer müssen in Theorie und
Praxis bekämpft werden.“ Ein weiterer Redner endet mit den
Worten: „Gegen christliche Spinner“ – „Freiheit allen Perversen“.
Die Demonstranten feiern ihren Erfolg
Nach zwei Stunden erreicht der Demonstrationszug die Stadthalle.
Sie ist von Polizisten umstellt und mit Reiterstaffel und
Wachhunden gesichert. Die Demo-Sprecherin gibt bekannt,
dass die Kongressveranstalter die Seminare von den Universitätshörsälen
in eine Schule verlagert haben. Die Demonstranten
feiern dies mit Jubel und Trillerpfeifen als ihren Erfolg. Die
Kongressteilnehmer bekommen davon nicht viel mit. Sie haben
die Stadthalle durch einen Seitenausgang verlassen, um in der
Unimensa Mittag zu essen und danach die Seminare zu besuchen.
„Lasst uns das Gespräch mit den Evangelikalen suchen“,
sagt die Demo-Sprecherin zum Schluss. Wie sich kurz danach
zeigen wird, ist das ein doppeldeutiger Satz.
„Hätt‘ Maria abgetrieben …“
Eigentlich ist die Demo nun zu Ende. Etwa 100 Teilnehmer
machen aber noch weiter. Sie gehen in eine Seitenstraße neben
der Stadthalle. Die Polizei spricht Platzverweise aus und fordert
dazu auf, die Straße zu verlassen. Die Demonstranten bleiben.
Sie hüpfen, trommeln, tanzen und skandieren: „Eure Kinder
werden so wie wir“, „Christen fisten“ und „Hätt’ Maria abgetrieben,
wärt ihr uns erspart geblieben“. Die Polizei wartet geduldig,
bis die Demonstranten müde geworden sind. Gegen 16
Uhr löst sich die Versammlung langsam auf.
Ein hoher Preis
Dass ein christlicher Seelsorge-Kongress mit einem Polizeiaufgebot
geschützt werden muss, das man sonst allenfalls vom G-8-
Gipfel kennt, ist bestürzend. Dass Kongressteilnehmer gebeten wurden,
ihre Kongressschilder und Taschen nicht außerhalb des Tagungshauses
zu tragen, und die Stadthalle zum Mittagessen durch einen Seitenausgang
verlassen mussten, sind Zustände, die man bisher nur von
konspirativen Christen-Treffen in Diktaturen kannte.
Antichristlicher Kulturkampf
Die liberalen Protestanten in der evangelischen Kirche mögen sich
noch ins Fäustchen lachen, wenn die Evangelikalen eins auf den
Deckel kriegen, doch schon bald könnte auch die „ganz normale
Kirche“ Zielscheibe der Angriffe werden. Ob es dann noch jemanden
gibt, der sie verteidigt?
Verantwortung der Medien
Zu fragen ist auch nach der Verantwortung der Medien, die Behauptungen
der Kongress-Gegner ungeprüft verbreitet und durch tendenziösen
Journalismus eine Eskalation mitverursacht haben. Besonders
schlimm hat sich die linke „Frankfurter Rundschau“ verhalten.
Sie hat immer wieder in der Überschrift ihrer Berichte über den Kongress
von „Homo-Heilern“ geschrieben – insgesamt achtmal –,
obwohl schon eine flüchtige Recherche ergeben hätte, dass dieser
Begriff völlig unangemessen ist. Das Blatt hat damit ein Phantom
aufgebaut. Man redet so lange von „Homo-Heilern“ – wenn auch „nur“
in Anführungszeichen –, bis sich der Begriff festsetzt und am Ende die
Assoziation „Evangelikale gleich Homo-Heiler“ im Gedächtnis bleibt.
Zwei Gefahren für die Zukunft gilt es zu bedenken
Es besteht die Gefahr, dass sich Christen permanent von Dingen distanzieren,
mit denen sie gar nichts zu tun haben, nur um Kritik vorzubeugen. Auch in Marburg beteuerte man oft, dass man Homosexualität nicht als Krankheit betrachte. Man muss sich jedoch davor hüten, bewusst oder unbewusst die verzerrenden Sprachregelungen der Homo-Lobby zu übernehmen.
Denn die evangelikale Bewegung hat nie behauptet, dass Homosexualität
eine Krankheit sei. Und dass Homosexuelle diskriminiert würden,
davon kann keine Rede mehr sein. Wer in den letzten Wochen in
Berlin beobachtet hat, mit welch organisierter Militanz manche Homosexuelle gegen eine Eisdiele bzw. eine Gastwirtschaft vorgegangen
sind, die sich lediglich das exzessive Ausleben homosexueller Handlungen
vor ihren Geschäftsräumen verbeten hatten, für den ist klar:
Nicht Homosexuelle werden diskriminiert, sondern extreme Homosexuelle
tyrannisieren Andersdenkende bis hin zur Zerstörung von Existenzen. – Wenn beide hier benannte Gefahren eintreten, dann hätte die Homo-Lobby am Ende doch noch ihr Ziel erreicht, auch wenn sie den Kongress in Marburg
nicht kaputtmachen konnte.
Quelle: Idea
Ich habe nichts für abweichende Sexpraktiken, solange sie Dritte nicht berühren, ich habe aber auch nichts dafür.
Viel habe ich als ehemaliger DDR-Bürger für die freie und unbehelligte Meinungsäußerung, auch wenn sie nicht meiner Ansicht entspricht. Man muss sich mit der Meinung des Anderen auseinandersetzen, vielleicht daraus lernen, aber sie auf jeden Fall wechselweise akzeptieren. Wir Menschen sind endlich, also nicht allwissend.
Die Vorgänge gegen den Kongress in Marburg finde ich abscheulich. Wehner (und ich auch) kannte rot lackierte Faschisten. Würde er noch leben, so fände er vielleicht jetzt mit einiger Sicherheit noch zusätzlich grün lackierte!
Alles Gute
Johannesd